Wien is nu wirklich eine Reise wert, aber
der Gerhard hing nur so da wien Scheuerlappen und produzierte
schlechte Luft
4 Uhr 10: Es sollte losgehn. Die Hard CoreTagesfahrtRentner
standen schon ne Stunde im Wartehäuschen.
Wir schafften es nur mit hochfrisiertem Herzschrittmacher;
Gerhard war völlig vonner Rolle: Das war einfach zu früh
für ihn. Die Hannelore und ich hielten ihn zwar eine
Weile eingekeilt, aber als ich ihn von meiner Seite mit nem
Koffer abstützen wollte, knallte er uns doch noch um.
Er hat ja nichts gemerkt, wir hatten seinen Herzschrittmacher
runtergetourt; ich hing den Gerhard an seim Jackett dann einfach
übers Schild mit die Abfahrtzeiten. Dann kam der Bus
un, man will es nich für möglich halten, die Siechen,
wie vom Blitz getroffen, springen auf und toben los: Alle
wollten neben dem Klo am Fenster sitzen. Hertha zog dem Bernhard,
der schon fast drin war un »Erster !« brüllen
wollte, einfach ihrn Einkaufs-beutel übern Kopf: Der
fiel damit in der Gesamt-wertung auf Platz Vier zurück.
Das sollte noch ein Nachspiel ham. Un, wie sich die Hertha
un die Martha um Platz Eins mitter Schirmspitze gegenseitig
ins Nasenloch wollten, war Bruno schon auf alle Viere unterm
Rock durch: Die Sau, die ! Der Bus ruckte, ich hatte leider
meine Hannelore völlich ausse Augen verlorn und war neben
der giftigen Hilde gelandet: Ein Aufschrei ! Das war Hannelore,
die is immer so direkt ! Wir hatten Gerhard vor lauter Aufregung
bei der Klopperei am Schild hängen lassen. Der hing so
friedlich. Na, wir knöperten ihn los und schleiften ihn
irgendwie noch mit rein: Er mußte vorn neben dem Fahrer
gleich beim Lautsprecher sitzen: Na, das wird wieder mal schön
durchblasen, also die Ohrn.
Dann gings los ! Alle staunten voller Erwartung: Die mitn
Fensterplatz un die ohne über die mitn Fensterplatz:Was
war denn da zu bestaunen ?
um
4 Uhr 26 im Wald neben der Autobahn. Gerhard hing nur übers
Geländer wie 'n Scheuerlappen. Ich dacht noch, wenn jetz
die Tür aufschlägt, gehn bei ihm völlich die
Lichter aus.
4 Uhr 50: Die Stewardess meldet sich: »Meine lieben,
verehrten Rentner: Ich begrüße Sie zu unserer wunderschönen
Tagesfahrt nach Wien ! Aber zunächst einige Sicherheitshinweise:
Sehen Sie: Das ist jetzt Hans Mustermann !« »Bin
ich nich ! Ich bin Wolfgang Blöhmeyer !« »Nun
seien Sie doch nich so pingelich ! Ich will doch nur, daß
das alle verstehen. Also, das is jetzt Hans Muster-mann -«
»Kann ich mich jetz wieder hinsetzen ?« »Sie
bleiben jetzt hier stehen ! Und das ist unsere ganz neue Busverunglückungsrettungsweste
2000. Ich bitte Sie jetzt alle, diese Weste anzulegen. Wenn
Sie Gefahr wittern, ziehen Sie an diesen Nippeln und - paff
- bläst sich die Weste auf. Und, wenn sich der Bus dann
beim Abrollen an der Böschung überschlägt,
fühlen Sie sich wie im Wasserbett.« »Kann
ich mich jetz hinsetzen, gleich kommt eine scharfe Kurve ?«
»Ich bin noch nicht fertig mit Ihnen ! Sie ziehen also
hier an den Nippeln von Hans Mustermann - Nein nich jetzt!«
Zasch und Paff - drüben war die Hertha schon hochgegangen;
Mustermann Blöhmeyer hatte auch gezogen un sich in die
Kurve gelegt: Der hing jetzt ganz benommen inne Stufen un
kam gar nich mehr hoch. Die giftige Hilde spielte auch schon
ganz nervös an ihrn Nippeln. »Hilde«, sach
ich noch, »wenn Du mich mit hochgehn läßt,
dann laß ich ein fahrn.« Der Fahrer versuchte
eine Not-bremsung: Ich landete mitter Birne am Vordersitz,
dann ging Hilde hoch und ich landete im Gang. Dann wars zappenduster.»Und
wann kippt denn nu der Bus um ?«
7 Uhr 25: Ich kam wieder zu mir, als einer was von Frühstück
sachte. Na, das war ein Wort. Zwischen-stop anner Raststätte
Hummelsdüdel irgendwo in Niedersachsen. Leider konnten
wir nich raus, weil nebenbei vorne ein Äntertähner
was über ein schönes un völlich hochneuartiges
512teiliges Besteckset vorzutragen hatte. Es gab vorgekauten
Assiettenpamms, Als ich der Hilde ihre Assiette auf hatte,
hatte sies aufm Schoß. Als ich dann meine Assiette auf
hatte, hatte sies auch aufm Schoß. Dann kam die Stewardess
mit Kaffe un noch ein Keks für jeden rum. Un dann heizte
sie die Stimmung mal so richtig an: »Wer bei diesem
tollen Besteckset als erster zuschlägt, bekommt eine
ganze halbe Packung von den Keksen gratis dazu. Na, is das
nicht ein feiner Bonus ?« Es wurde unruhig im Bus. Hinter
ihr kam dann auch schon der Besteckmann rum, um sein Set mal
ganz nah zu präsentiern: Na, ich haute ihm tüchtich
eine rein, aber statt ich nu meine halbe Packung Kekse be-komme,
wollten die mich glatt anner Raststätte lassen. Immer
diese Rentnerverarsche
»Zum Mittach kam dann der Vertreter mit
das 256teilige Kochtopp-service in'n Bus«
Na, was soll ich sagen: Es wurde dann doch noch gemütlich.
Un es gab so viel zu sehn: 13 Hellweg-Baumärkte direkt
mit Autobahnabfahrt, 5 Metro-Märkte ohne Fenster aber
mit Lüftungsklappen, 36 Gewerbeparks im Grünen aufm
Acker, 11 welt-marktführende Hersteller von zweckfreien
Klein-teilen aus hochwertigen Poly...poly...polydings sowie
zwei umweltresistente Atomkraftwerke mit angeschlossenem,
ganzjährig auf 80 Grad beheizten See in herrlicher Lage
am Kurort. »Tja, der Fort-schritt, liebe Hilde, der
Fortschritt wird im Westen gemacht.«, sach ich, um sie
etwas aufzu-muntern. Die hat so traurich gekuckt, weil sie
beim Klo noch immer nich dran gewesen war, weil die mit Inkontinenz
die besseren Nummern auf der Warteliste gezogen hatten und
der Frühstücks-pamms in ihrn Rock einfach nich aushärten
wollte.
Zum Mittach auf der Raststätte in Hintertux kam dann
der Vertreter mit das 256teilige Kochtopp-service in'n Bus.
Hilde, noch ganz benommen, hatte sich Klopapier mitgebracht
un wollte ihre Assiette diesmal selber öffnen. Es gab
Fleischbrei. Der lief dann am Fenster runter. Einige versuchten
mit dem Zeigefinger kleine Öffnungen in die Assiettendeckel
zu bohren, drückten den Brei aber dann auch an den Seiten
raus.
Der Vertreter hatte auch Pech: Als er dann endlich die ganzen
256 Töppe vorne in'n Bus aufgestapelt hatte, mußte
er schon wieder abbauen, bevor sein Vortrag begonnen hatte,
weil er die Planzeit nicht halten konnte. Er wollte dann beim
Rausräumen noch schnell dem Gerhard wenigstens einen
Topp aufschwatzen, der sich kurz vom Geländer hochge-dreht
hatte, aber die Augen nicht aufbekam. Der lallte bloß:
»Sie hörn sich an wie der Rechtsamts-leiter ! Ich
krieg Dich noch und dann mach ich Dich fertig, du Sau !«
Dann sackte er wieder über dem Geländer zusammen,
der Arme. Bernhard hatte ein kleines Loch in seine Assiette
gebohrt gekriecht un kippte nu den ganzen Brei der Hertha
inne Handtasche. Mann, war der sauer wegen dem ersten Platz,
den die ihm voll nich gegönnt hatte.
17 Uhr 7: Schon da. Wir stehen in eim Neubauge-biet mit
diesem sprichwörtlichen Wiener Scharm; Vor uns ein Bus
aus Oberursel, hinter uns ein Bus aus Sülzwedel. Stopändgo.
Im Feierahmdsmog is schon ganz deutlich der Stephansdom zu
erkennen. Huch, was für ein Erlebnis ! Wir biegen rechts
ab. Das hat was zu bedeuten. Der erste Höhepunkt: Die
Verkostung beim Heurigen ! Na, was soll ich sagen: Der Bus
hält kurz an und ein echter Wiener reicht ein Tablett
mit reichlich einige Pappbecher rein. Das ist also der Heurige
! Was für ein Erlebnis ! »Bitte immer nur ein Becher
für zwei Plätze, weil doch der Fahrpreis mit 199,99
so knapp kalkuliert war.« Na, die giftige Hilde nippte
nur. Die war ohnehin schon fast ganz weggetreten, wo sie doch
den ganzen Tag noch nichts gegessen hat. Aber der Höhepunkt
dieser Erlebnistour war dann die Fahrt einmal rund ums Stadtzentrum.
Durch eine Gasse konnte man, als wir anner Ampel standen,
den Stephansdom kurz aber deutlich sehen. Ansonsten hielt
der Bus an einem Kiosk un die Stewardess kaufte für jeden
eine Ansichtspostkarte vonner Hofreitschule. Un das war alles
im Preis drin ! Der nächste Höhepunkt war unser
Stop in eim Wiener Café. Das war wieder clever gelöst:
Als wir anner Ampel standen, konnte man sehr gut hineinsehen,
also in das Café. Mehr Zeit war leider nicht: Wir wollten
ja noch so viel sehen. Auf eim sehr ruhig gelegenen Parkplatz
mit eim schönen Blick auf das Straßenbahndepot
kam dann ein waschechter Wiener in'n Bus: Der Mitbringselmann.
Wir konnten wählen zwischen eim Plüsch-Haider, der
»Hallo, ich bin der Haider-jörgl« sacht,
wenn man ihn nach vorne kippt, eim Hundertwasser-Haus aus
noch nich ausgehärteter Kreativ-Knete zum selbständigen
Nochmalnach-modelliern für zu Hause und einer Kuckucksuhr
aus der zu jeder vollen Stunde der Kopf von Haider aus Gummi
kommt und »Grüß Gott« sacht (mit Schweizer
Uhrwerk nur gegen Aufpreis abzugeben). Das große Finale
dieser unvergeßlichen Erlebnistour sollte dann ein Ahmdessen
im berühmten Separatistenkeller sein: Wir konnten leider
nicht selbst hinein, aber unsere Stewardess mit dem Busfahrer:
Die warn drin un ham ja so geschwärmt von das Sechs-Gänge-Menü,
das sie sich ja auch wirklich verdient hatten mit ihrn aufopferungsvollen
Einsatz für uns. Un: Sie dachten auch noch an uns un
ließen uns vom Kellner doch ein Körbchen frisches
Brot in'n Bus rausbringen. Is das nich ganz allerliebst. Nur
Bernhard tat mir so leid: Der saß die ganze Rundum-Wien-Tour
mit Durchfall aufm Klo.
18 Uhr 56: Sonnenuntergang hinter dem Kopp vonner giftigen
Hilde. Mir kamen die Tränen. Ich dachte sofort an mein
Optionsschein: Eine Kaffe-fahrt nach Bad Oldeslö über
Dödelhorst: Über-morgen. Ich wollte gleich im Bus
sitzenbleiben, weil ich doch auch so gern mal am Fenster neben
dem Klo sitzen würde.
3 Uhr 56: Enlich wieder zu Hause. Zu Hause is doch am schönsten.
Gerhard hatte gar nicht gemerkt, das er weg war. Er war nur
einmal kurz zu sich gekommen, als er übers Geländer
gekotzt hat. Er hatte sich den Magen so eingeschnürt,
der Arme. Ich glaube, Wien wär auch gar nichts für
ihn gewesen. Nein, ganz sicher. Wir, also ich un die Hannelore,
schleiften ihn hinter uns her un zurück in sein Heim.