Eine kleine Weihnachtsgeschichte

Der Gegenschlag: Die Siechen erklären der Realität den Krieg

Prolog
Alles fing damit an, daß olle Wolfjang, der Simulant, sich rächen wollte. »Wofür ?«, frachte die giftige Hilde schon wieder an der Gruppenstimmung zündelnd. Olle Wolfjang: »Nä, symbolisch.« Dann sprang Diethelm auf und rief: »Gegen den Verwaltungsterror ?« Ja, brüllten alle: »Gegen den Verwaltungsterror !« Nur Gerhard brüllte: »Ja, gegen Essen auf Rädern !« Der war wieder zu spät aufgewacht. Dafür war er jetzt als Erster an der Tür und hatte den Wärter mit seinem Krückstock zu Boden gerissen. »Hertha, hau ihm eins mit dem Kaktus über ! Wir brennen durch.« Aus den hinteren Reihen flogen schon wieder Schmelzkäsewürfel, bis der Wärter völlig eingeschmelzt das Bewußtsein verlor. Wir warfen ihn in Herthas Wolltruhe.
»Wie wollen wir vorgehen ?«, frachte Herbert.
»Wir entführen den Ordnungsamtsleiter !«, sachte Diethelm. »Ein brillanter Plan !« »Warum den Ordnungsamtsleiter ?, frachte die giftige Hilde schon wieder zündelnd.»Der is doch zu nichts nutze.«


Olle Wolfjang mußte Schmiere stehen. Eigentlich: besser rollen. Er rollte mit sein Rollmöbel auf'm Parkplatz beim Kulturheim immer auf un ab un fiel auch gar nich auf zwischen den Mülltonnen un den Dixi un den Herden un den Kühlschränken. Er unterstrich unseren revolutionären Anspruch noch mit eine tolle kleine Aufschrift anne Hauswand: »Der Rechtsamtsleiter is auch doof !« Dem hatten wir's also gleich auch noch so richtich gegeben. Wir hatten uns den Abend vom Neujahrsempfang im Kulturheim ausgesucht. Die Hannelore hielt schon zwei Stunden ihren kleinen Spiegel durchs Klofenster, der an Gerhards Krückstock festgeklemmt war. Gerhard hing wieder über einem Geländer, weil er sich doch nich so lange halten kann. »Hannelore, nich so zittern !«, sachte Butzke. Den hatten wir zum Einsatzleiter gewählt. Dann kam Unruhe auf. »Ich glaube er isses. Jetz sitzter.« Es war soweit. Unser gerechter Kampf gegen den Verwaltungsterror nahm seinen unwiderruflichen Lauf. Bernhard saß hinter der Hochseeangel, die wir auf einen geklauten Trabanthänger montiert hatten. »Hannelore, was siehst Du ?« »Es stinkt schon !« »Bernhard, Petri Heil !« Das war das verabredete Zeichen für Bernhard. »Petri Dank !« Der Walfang-haken sauste an der Wand runter. Wir hatten das vorher Dutzende Male mit Gerhard geübt, weil der auf'm Klo immer einschläft un sowieso nichts merkt. »Er hängt !«, rief Hannelore. »Zieh an !, Bernhard«, gab Butzke Kommando. »Un alles ohne anfüttern.« Er zog. Un zog. Un zog. »Mann is der schwer !« »Der is ja auch total voll.« »Nu zieh schon !« »Ich mach ja.« »Er hängt überm Becken.«, rief Hannelore. Dann guckte enlich sein Hinterteil aus Fenster un mit ein Plopp landete der Ordnungsamtsleiter inner vorbereiteten Kiste mit dem Katzenstreu. »Los, den Deckel drauf!« Das wars.

Wir hatten die Kiste erstmal über den Liefereingang in die Küche von unserm Siechenheim geschoben. »So !«, stellte Diethelm präzise fest. Butzke frachte mal so in die Runde: »Hat einer Forderungen ausgearbeitet ?« »Was für Forderungen ?« »Wenn man eine Geisel nimmt, braucht man Forderungen; sozusagen zum Eintauschen.« Ein tiefes, nachdenkliches Schweigen hielt nun in der Küche Einzug. Das hatte niemand erwartet. Sollte damit alles enden ? Aber Hertha schien die Lösung zu wissen: »Also ich möchte neues Strickzeug !« »Wie stellst Du Dir das vor, Hertha ?

Sollen wir in den nächsten Strickwerker-Markt gehen un fragen: Wieviel Wolle kriegen wir für den Ordnungsamtsleiter, bitte schön ?« »Das is ein Argument !«, sachte ich. »Un auf'm Schwarzmarkt ?« »Ich glaube, da stehn Ordnungsamtsleiter momentan nich besonders hoch im Kurs. Der reicht
dann kaum für einen Schal. Diethelm: »Ich laß mich clonen ! Davon hab ich schon immer geträumt« »Na das paßt wohl nich hierher.« »Wo sollen wir denn nu hin mit der Sau ?«, lenkte Bernhard die Diskussion in eine aktuellere Richtung. »Ich denke, wir haben einen Plan ?« »Haben wir.«, sachte Butzke, der damit das Kommando wieder forsch an sich riß. »Und ?« »Da hat der Plan ein Loch.« »Da kommst Du besser schnell raus aus Deinem Loch. Die Kiste fängt schon an zu riechen.« »Wir friern ihn ein.«, hatte Diethelm wieder die rettende Idee. Mann is der helle mit seine sechsunachsich. Einer riß den Kühlschrank auf un alle fingen hinten an zu schieben. »Verdammt !, doch nich mich.«, schrie plötzlich olle Wolfjang von vorne ganz hohl aus'm Kühlfach. »Ich bin doch gar nich der Ordnungsamtsleiter.« »Das is auch wieder wahr.«, brachte Butzke die Sache auf den Punkt. »Da, da isser ja !« »Wir sollten ihn in Glyzerin baden. Hab ich im Fernsehn gesehn.« »Hast Du etwa hundert Liter Glyzerin in Deinem Flachmann unterm Koppkissen ?« »Im Behandlungsraum is ne Flasche. Die kippen wir ihm einfach übern Kopp. Dann können wir wenigstens noch den Kopp eintauschen, wenn was schiefgeht.« Dann lag er endlich inner Gefriertruhe. Un so friedlich, eingewickelt in das Papier mit den lustigen Weihnachtsmännern drauf. Bernhard hatte ihm noch eine Möhre in den Mund gesteckt. Er sah so noch ein wenig lustiger aus. »Aber der Koch wird ihn morgen früh finden.«, machte die giftige Hilde schon wieder schlechte Stimmung. Aber Butzke wußte Rat: »Wir packen ihn morgen früh mit Gemüse voll. Un übermorgen. Un Donnerstach auch.«

»Wenn man eine Geisel nimmt, braucht man Forderungen; sozusagen zum Eintauschen.«

»Blumenkohl ? Warum haste Blumenkohl geholt ? Heute gibbs Erbsen.« »Scheiße !« Bernhard hatte wieder alles durcheinander gebracht. »Also ich bin hier seit zwölf Jahre gefangen un hier hat noch nie etwas anders geschmeckt als nach Blumenkohl.« »Ich kann mich an den Unterschied zwischen einem Kotelett und Blumenkohl gar nich mehr erinnern.« »Wir drehn den blöden Blumenkohl eben so lange durch den Wolf bis hinten Erbspüree rauskommt.« »Die glauben doch, wir können Erbspüree von einem Möbelwagen nich unterscheiden.«
Ein Kopf erscheint inner Tür.
Butzke Wer sind Sie denn ?«
Kopf in der Tür» Der Pfarrer !«
Butzke »Hätten Sie nich anklopfen können ?«
Kopf in der Tür »In der Küche ?«
Die giftige Hilde» In dieser Küche wird angeklopft !
Wir hätten ja ein Geheimrezept ausprobieren können.«
Kopf in der Tür»Haste aber nich !«
Die giftige Hilde »Ich sagte wir hätten können.«

Bernhard »Un was wolln Sie hier ?«
Kopf in der Tür »Ich soll Schröder die letzte Ölung verpassen.«
Die giftige Hilde »Inner Küche ?«
Kopf in der Tür »Ich habe mich wohl in der Tür geirrt.«
Butzke »Sieht so aus. Das Olivenöl steht überm Herd.«
Bernhard »Der Leichensaal is eine weiter. Petri Heil !«
Kopf in der Tür »Und was machen Sie hier eigentlich ?«
Die giftige Hilde »Wir bereiten das Frühstück vor.«
Kopf in der Tür »Mit Blumenkohl ?«
Butzke »Der Anstaltsleiter schwört auf gesunde Ernährung.«
Kopf in der Tür »Mit Blumenkohl zum Frühstück ?«
Bernhard »Hier gibbs häufiger am Tag Blu-
menkohl. Sogar Erbspüree machen wir aus Blumenkohl.«
Herbert » Eigentlich machen wir hier alles aus Blumenkohl. Als Großabneh mer kaufen wir da sehr günstig ein.«
Butzke »Wann is denn Schröder von uns gegangen ?«
Kopf in der Tür »Vergangene Nacht. Der Gute !«
Bernhard »Wir sind jetz etwas knapp. Wir werden nachher ein Lied für ihn singen.«
Kopf in der Tür» Darf ich noch eine persönliche Frage ?«
Butzke» Aber hurz un kurz.«
Kopf in der Tür »Warum haben Sie sich eigentlich
jeder den gleichen Bart angeklebt,
zur Frühstücksvorbereitung ?«
Butzke »Wir sin heute noch nich zum
Rasieren gekommen«.
Kopf in der Tür» Und Du, Hannelore ?«
Hannelore »Das Frühstück nimmt einen immer so in Anspruch.«
Kopf in der Tür»Na dann.«

»Also: Wenn wir keine Forderungen haben, was machen wir dann mit ihm ?« »Was kann man schon mit einem Ordnungsamtsleiter anfangen ?« »Gehacktes !« Diethelm hatte wieder DIE Idee. »Dann gibbs die Woche Gehacktes mit Blumenkohl.« »Ach, das macht doch so viel Dreck !« »Hertha, Du mußt immerzu ans Putzen denken. Wenn Ordnungsamts-leiter eines nich machen, dann is das Dreck« »Ich dachte immer, die machen sowieso nichts.« »Brühwürfel !«, brach es aus Gerhard raus. »Ja, dann eben Brühwürfel. Un dann haun wir den ganzen Ramsch in irgendein Kühlregal und sind aus'm Schneider.« »Wo is eigentlich Schneider ?« »Der hat sich schon abgesetzt.« »Ach !, na ich geh dann auch schon mal.«, sachte Herbert. »Na, wenn er zu nichts nutze is, dann bringen wir ihn doch einfach wieder zurück aufs Klo ins Kulturheim.« »Wolfjang, das isses ! Du bist brillant.« Also kramten wir ihn wieder unter dem ganzen Blumenkohl vor, packten ihn in die Kiste mit dem Katzenstreu un karrten den Trabanthänger durch die Stadt. Wir ließen ihn langsam kopfüber durchs Oberlicht ins Klo gleiten, bis er wieder überm Becken hing. Er schlief so friedlich seinen Rausch aus. Die Hertha hatte ihm noch einen selbstgestrickten Schal umgebunden, damit er sich nichs wegholt und Gerhard hatte ihm die Taschen mit Blumenkohl vollgehauen. Irgendwie hatte jeder ein schlechtes Gewissen, weil wir doch vergessen hatten, richtige Forderungen auszuarbeiten.

Aber beim nächsten Mal, da gehms wir's ihm.