»Was für ein Sitzen ! Und
dieser Geruch! Und jedes Stadt-WC wird mit dem Aroma eines
anderen Gemüses beduftet ?« Der Bürgermeister
war sichtlich bewegt, als er endlich die erste rot-weiße
Papierrolle auf dem ersten neuen städtischen WC anschneiden
konnte.
»Allerdings,«, wußte der Rechtsamtsleiter
zu bedenken, »ist die künstlerische Ausgestaltung
der Rohlinge vom Typ 'Mixi' durch den kommunal zugelassenen
Kunstsachverständigen, Herrn Brotowin, mit der Raumbeduftung
noch nicht hinreichend koordiniert. Hier zum Beispiel
haben wir, warten Sie mal, Erbspüree an den Wänden,
aber frische Bohnen in der Luft. Können wir das noch
gleichschalten ?« »Aber ja doch«, versicherte
der Außendienstmitarbeiter der Firma Mixi, »Sie
können hier sozusagen immer den passenden Duft zum
Bild ablassen.«
Bürgermeister Chmul verschwand vor lauter Begeisterung schon wieder hinter der Menge sozusagen durch die Hintertür zu den Möhren. »Unsere Gemüseschau hat Ihr Haileit gefunden, das unsere schöne Gemüsestadt zurück auf die Landkarte bringen wird. Sogar aus dem Regenwald haben wir schon eine Grußpostkarte bekommen. Darin wurde angefragt, ob wir auch Rote Beete ausstellen.«, wußte ganz aufgeregt die Pressesprecherin zu berichten. »Wir stellen hier alles aus, Hauptsache Gemüse !«, tutete Sie noch in die Mikrofone der internationalen Presse, bevor der internationale Beifallssturm und die Hochrufe der Journalisten sie überwältigten. Etwas abseits schauten einige junggebliebene Damen aus dem Bund der in den Ruhestand vertriebenen Beamten schon scheel, die, zwar organisiert, doch aber spontan von Herzen rührende Freude mit dem Winken von Tomatenstauden zum Ausdruck bringen sollten. Doch nun waren die durch den kommunal zugelassenen Kunstsachverständigen noch eilends rot angemalten April-Tomaten doch zu Boden gewedelt. Frau Brohsulat nahm dies auch gleich zum Anlaß, noch einmal auf ihren doch rechtzeitig dargebrachten, hingegen mehrheitlich abgelehnten Vorschlag zu verweisen, die Tomatenpflanzen mit roten Yo-Yo's zu behängen. Vom Wasser her stach ein Schrei in ultrahochfrequentem Dis in die Menge: »Das Floß is los !« Die Gemüsesonderbotschafterin Tamara Fliederlich, die sich im Hintergrund des bunten Treibens bei den Klos darauf vorbereitet hatte, mit einer Flasche Möhren-Sanddorn-Extrakt im Beisein der hohen chinesischen Delegation das schöne neue Floß auf den Namen Mu-Err zu taufen, hatte, nervöserweise mit der Schere schneidelnd, das falsche Band gekappt.
»Das Floß is los !«
'Das Floß is los !' Besser doch als gar nix los. Prösterchen !« Als Frau Fliederlich wieder zu sich gekommen war und ihren kleinen Fauxpas damit zu erklären versuchte, doch nur Fluschi, ihren Dudel, einen Dackel mit Pudellocken, losmachen gewollt zu haben, kam der Sprecher der Sozialpopulistischen Partei (SPP), Herr Kuki, mit dem Tau des Floßes zwischen den Zähnen schon wieder an Land geschwommen: »Sie können notieren, liebe Jouranlisten, die SPP hat alles fest im Griff.« »Mich nich !« »Wer sind Sie denn ?« »Guten Tach ! Mein Name is Dobermann.« »Ach !« »Ich demonstriere hier.« »Wofür denn ?« »'Wogegen' müßt's heißen, guter Mann: Wo gegen ! « Und ?« »Und was ?« »Nun: Wo gegen denn ?« »Gegen, ähh, Abwasser !« »Hey Leute, die Sau hier ist gegen den Finnenkanal !« »Haut ihm eine rein !« »Ja, weg mit dem Kerl !« »Ich geh ja schon.« Der Bürgermeister nahm nun die Regie der großen Eröffnungsveranstaltung forsch in die ganz eigene Hand: »Na dann wollen wir mal Wasser lassen !« »Zu !«, sufflierte die Pressesprecherin dazwischen, (noch einmal:) »Zu !«. »Ja, bis alles zu ist.« Tamara Fliederlich, die Gemüsesonderbotschafterin, wurde nun in Positur geschoben und warf die Flasche mit dem gesunden Möhren-Sanddorn-Extrakt aufs Deck: »Ich taufe Dich auf den Namen 'Fluschi' !« Schweigen legte sich über die versammelte Menge. »Kürbis !«,verbesserte sie sich hastig, als ihr Blick auf den am Mast aufgespießten selben fiel. Sie war nun völlig verwirrt. In der Menge machte sich bereits Unruhe breit, als die ersten Gäste von hinten zu den besseren Plätzen in der Nähe des Bootssteges drängten. Angst griff um sich, nicht mit der ersten Schleusung zum großen Bieranstich zu gelangen. Da war es dann relativ unerheblich, welchen Namen das Floß dahin haben sollte. Frau Fliederlich probierte noch einige Namen, bis sie hinter der herandrängenden Menge allmählich verschwand. Man mußte nun rechts schon etwas gegendrücken, um nicht vom Bootssteg zur Käsebar abgedrängt zu werden. Fast hatte ich das Geländer gepackt, als mich eine Welle nach links schob; ich suchte Halt, bekam jedoch nur einige Zierbarsche in Vanillecreme vom Büffett zu greifen. Es war eng geworden. Ich bekam meine rechte Hand nicht mehr aus einer Hosentasche, die irgenmdwie nicht meine zu sein schien. Vom Büffett rief mir der Käsemann aus dem Ordnungsamt noch zu: »Bitte unterzeichnen Sie doch noch eine der Unterschriftensammlungen des Bürgermeisters ! Sie liegen aus beim Schlemmertaler.«
Irgendetwas hatte mich am Bein gepackt, als ich unter dem Eigendruck der Menge allmählich in die Waagerechte gehoben wurde. Das konnte nur die Sonderbotschafterin sein, die nun jeden Strohhalm beim Schopfe packte, um irgendwie wieder ans Licht zu kommen. »Wogegen unterschreibt man denn hier so ?«, konnte ich noch zurückrufen, verstand jedoch nur: »Gegen Kartoffeln !« In meiner Not hatte ich die Zierbarsche dem Landrat in die Jackettasche gleiten lassen (die gelbe Cremespur machte sich gut auf dem bordauxroten Stoff), jedoch, endlich wieder mit einer freien Hand Halt suchend, endete dieser Versuch nur bei einer Rolle Harzer. Als ich für einen Augenblick einen Fuß wieder auf die Erde setzen konnte, tauchten hinter mir die ersten platschnassen Gäste auf. Und dabei sah es doch gar nicht nach Regen aus. Vor mir waren einige Gäste ihren Beinkleidern hinterher abgetaucht, da die Sonderbotschafterin wohl vergeblich versucht hatte, sich an deren Hosengurten emporzuziehen. Die Arme ! Der Bürgermeister versuchte mit ein paar aufmunternden Worten an die Menge zu ermutigen: »Also wir wollen jetzt das städtische Kanalnetz ausbauen, wenigstens bis zum Flughafen, wo doch heute die ganze Welt vernetzt ist.« Das machte Mut ! Insbesondere bei der Führung des Unternehmerverbandes, die ich gerade noch erkennen konnte, wie sie mit der Rückwand durch das Grünkohl-Klo gedrückt wurde. Ich hatte unter der überwältigenden Fülle der Eindrücke leider nicht alles ganz mitbekommen, als ich weiter zum Steg drängte, die anderen Gäste nun nicht mehr zum Steg drängten. Die hinter mir auftauchenden nassen Gäste waren schon einmal auf dem Floß, hörte ich noch. Doch nicht lange. Aus dem Wasser wieder an Land gekommen, hatten die sich nun hinten angestellt, um von Neuem mitzudrängeln. Durch die Beplankung des Bootssteges griff eine Hand nach oben. Ich dachte noch, das würde wohl die Ticketkontrolle sein, als ich bemerkte, daß die Sonderbotschafterin unter dem Druck der Menge ebenso weiter abgedriftet war. Na, ich drückte ihr trotzdem meine Einladung in die Hand. Die Titelseite schmückte eine Kartoffelblüte. Tolle Makroaufnahme ! Vielleicht hilft die ihr ja weiter. Ich rief ihr noch zu, daß sie durchhalten solle, die Nationalgarde wäre im Anmarsch. Mit Tränengas und Wasserwerfern, hatte ich gehört. Na, das freute dann doch. Einen solchen Andrang von Autogrammjägern hätte sie zuletzt beim FDJ-Singewettbewerb »Wer wird Held der Arbeit ?« gehabt, trällerte sie mir noch zu. Dann bekam ich vom Sprecher der SPP einen Tritt in den Magen. Das war nur gerecht; für die Zierbarsche, die ich im Landrat verklappt hatte. Ich erreichte mit letzter Kraft das Spinat-Mixi. Hier wurde es dann endlich gemütlich. Ich hatte ja noch meinen Harzer-Roller. Als der Rechtsamtsleiter neben mir zu sich kam, der hier noch bewußtlos herumgelegen hatte, fragte er auch gleich, warum das Tränengas noch gar nicht verflogen
Der Harzer war gut durch. - Ich geh jetzt immer zu Eröffnungsveranstaltungen.

